Du kaufst eine 10.000‑mAh‑Powerbank und denkst: „Damit lade ich mein 3.000‑mAh‑Handy dreimal voll.“ Am Ende sind es nur zwei Ladungen und ein kleines bisschen extra. Will uns der Hersteller etwa betrügen?
Nicht wirklich. Die Zahl auf dem Etikett stimmt zwar – nur misst sie nicht das, was die meisten Leute annehmen. Sobald du die Physik hinter der mAh‑Angabe verstehst, ergibt die „fehlende“ Kapazität plötzlich Sinn.
3,7 V vs. 5 V – Warum mAh in die Irre führen
Der größte Knackpunkt ist dieses Detail: Die mAh‑Zahl auf der Powerbank bezieht sich auf die internen Lithium‑Ionen‑Zellen. Die arbeiten mit einer Spannung von 3,7 V. Dein Handy lädt aber über USB mit 5 V (und bei Fast‑Charging oft mit noch höheren Spannungen).
Denn: mAh allein ist nicht gleich Energie. Energie ist das, was dein Gerät wirklich antreibt. Sie wird in Wattstunden (Wh) gemessen. Die Formel ist simpel: Wh = (mAh ÷ 1.000) × V.
Rechnen wir das für eine 10.000‑mAh‑Powerbank durch:
Auf Zellenebene (3,7 V): 10.000 mAh × 3,7 V = 37 Wh gespeicherte Energie
Umgerechnet auf 5 V Ausgangsspannung: 37 Wh ÷ 5 V = 7.400 mAh
Theoretisch liegen also schon vor allen Verlusten maximal 7.400 mAh am USB‑Anschluss an – nicht 10.000. Die Energie bleibt gleich, aber die mAh ändern sich, weil sie von der Spannung abhängen.
Wie die Spannungswandlung Kapazität frisst
Um von 3,7 V auf 5 V zu kommen, verbaut die Powerbank einen sogenannten Aufwärtswandler (Boost‑Converter). Diese Wandler sind heute recht effizient, aber nicht perfekt. Die meisten arbeiten mit 85 % bis 90 % Wirkungsgrad – der Rest verpufft als Wärme.
Bei einem Wirkungsgrad von 90 % bleiben etwa 6.660 mAh übrig. Das ist die realistische Strommenge, die tatsächlich aus dem USB‑Port fließen kann.
Unterstützt die Powerbank Fast‑Charging wie USB Power Delivery oder Quick Charge, muss sie die Spannung noch weiter hochsetzen (9 V, 12 V, manchmal 20 V). Jede weitere Wandlung verursacht kleine Energieverluste.
Warum bei deinem Handy noch weniger ankommt
Die Energie muss schließlich vom USB‑Port in den Akku deines Handys gelangen. Auch dieser Weg ist nicht gratis. Der Kabelwiderstand frisst einen Teil der Energie – vor allem bei langen oder dünnen Kabeln. Deine Handy‑Ladeelektronik muss die 5 V wieder runterwandeln auf die Spannung, die der Handy‑Akku möchte. Auch hier liegt der Wirkungsgrad nur bei 80 % bis 90 %. Dabei entsteht Wärme – in beiden Geräten – und die verpufft einfach im Raum.
Wenn die Elektronen am Ende im Handy‑Akku ankommen, sind oft nur noch 60 % bis 70 % der ursprünglich aufgedruckten Kapazität übrig. Das ist kein Defekt, sondern reine Thermodynamik.
Weitere Gründe, warum deine Powerbank weniger liefert
Sicherheitsreserven: Hersteller entladen Lithium‑Zellen nicht komplett auf null. Das würde sie schädigen und die Lebensdauer verkürzen. Deshalb bleibt an beiden Enden des Ladebereichs ein kleiner Puffer ungenutzt.
Selbstentladung: Liegt die Powerbank drei Monate in der Schublade, verliert sie durch interne Leckströme merklich an Ladung – auch ohne dass du ein Gerät anschließt.
Temperatur: Bei Kälte sinkt die nutzbare Kapazität vorübergehend. Anhaltende Hitze schädigt den Akku dauerhaft.
Alterung: Lithium‑Ionen‑Zellen verlieren mit jedem Ladezyklus an Kapazität. Nach etwa 500 vollen Zyklen kannst du mit rund 20 % Verlust rechnen.
So vergleichst du die Kapazität von Powerbanks
Achte auf die Wattstunden‑Angabe (Wh). Die ist auf Powerbanks ohnehin Pflicht, wenn du sie ins Flugzeug mitnehmen willst. Wh berücksichtigt die Spannung und eignet sich deshalb viel besser für einen fairen Vergleich zwischen verschiedenen Modellen. Manche Hersteller geben zusätzlich eine „typische Ausgangskapazität“ oder „Nennkapazität“ an. Eine 10.000‑mAh‑Powerbank mit „6.500 mAh typischer Ausgang“ ist nicht schlecht – sie ist nur ehrlicher zu dir.
Zum Überschlagen im Alltag hilft dir die 60‑bis‑70‑Prozent‑Faustregel. Eine 20.000‑mAh‑Bank bringt realistisch etwa 12.000 bis 14.000 mAh an deine Geräte. Orientier dich an dieser Zahl. Und wenn dich das nächste Mal jemand fragt, warum seine Powerbank „lügt“, weißt du genau, was du antworten kannst.
Fazit
Eine Powerbank mit 10.000 mAh, die im echten Leben 6.500 mAh liefert, ist weder kaputt noch betrügt dich der Hersteller. Das Etikett zeigt einfach nur die gespeicherte Energie auf Zellenebene an. Die Lücke zwischen Anspruch und Wirklichkeit kommt von der Spannungswandlung, Kabelverlusten und der Thermodynamik. Weißt du erst einmal, wie groß diese Lücke etwa ist, kaufst du deine nächste Powerbank nach dem, was du wirklich bekommst – und nicht nach dem, was die Packung verspricht.


